Brennessel e.V.
Berufsgruppe gegen sexuelle Gewalt an Kindern
 

Prävention

Vorbeugende Arbeit mit Kindern, Eltern, Erzieher/innen, Lehrer/innen, Ärzten/innen, ggf. Juristen/innen und Polizeibediensteten sowie Interessierten

1. Zielrichtung in der Prävention

Die Zielrichtung der Prävention im Rahmen der sexuellen Gewalt an Kindern richtet sich in erster Linie an die Erwachsenen, weil die Verantwortung nur bei ihnen liegt. Viele gesellschaftliche Bedingungen bedürfen einer dringenden Veränderung. An dieser Stelle sollen hier einige skizziert werden:


  • Die Sozialisation von Mädchen und Jungen ist nach wie vor geprägt von Unterschieden.
  • Die Sozialisation von Mädchen geht vorwiegend in die passive Rolle, des Ertragens, des Helfens, für andere Dasein. Ängstlichkeit und Unsicherheit gelten als akzeptierte Gefühle, ein NEIN wird weniger gehört als bei Jungen. -
  • Jungen sollen hart und stark sein, Jungen sollen dominieren, ganze Kerle sein. Aggressivität wird bei Jungen eher als ein taugliches Mittel akzeptiert. Dadurch werden die Gefühle von Jungen zum Teil verschüttet.
  • Hier sind alle Mütter und Väter, Erzieher/innen, Sozialarbeiter/innen und Lehrer/innen gefordert, ihre Identifikationsmuster und Erziehungshaltungen zu überdenken.

  • Kindererziehung ist weiterhin überwiegend Frauensache. Männer beteiligen sich kaum an der Pflege und Erziehung der Kinder. Sie schließen sich so weitgehendst von den Erfahrungen körperlicher Nähe zu Kindern aus. Deshalb können sich viele Männer nur schwer in die emotionalen und körperlichen Bedürfnisse von Kindern einfühlen. - Wünschenswert sind anwesende Väter, die ihren Kindern auch im Alltag zur Verfügung stehen.

  • Die Einbindung der Themen Partnerschaft und Erziehung in den Schulunterricht sollte grundsätzlich erfolgen, um Jugendliche auf diese Rolle in ihrem Leben intensiver vorzubereiten.

  • Für werdende Eltern wünschen wir uns Erziehungsprogramme, die analog zu Schwangerschaftskursen auf die Elternschaft vorbereiten und Eltern ein Erziehungskonzept an die Hand geben.

  • Kinder müssen sich auf Erwachsene verlassen können. Mütter, Väter und Pädagogen/innen sollten über den sexuellen Missbrauch aufgeklärt sein. Nur so sind sie in der Lage, Kinder angemessen über die sexuelle Gewalt zu informieren. Und nur so können sie Hinweise auf sexuellen Missbrauch selbst wahrnehmen und angemessen reagieren.

Der wichtigste Leitgedanke: in der Regel


  • ist nicht der fremde Mann der Missbraucher, sondern sexuelle Gewalt an Kindern findet vor allem im sozialen Umfeld, im Nahbereich, in der Familie statt.

  • Sexueller Missbrauch wird weiterhin verharmlost und in gewisser Weise toleriert, z.B. durch oberflächliche voyeuristische Presseberichte. Auch werden Kinder oft nicht gehört oder Erwachsene wollen das Gehörte nicht wahrhaben. Zudem kommen die oftmals geringen rechtlichen Folgen den Täter/innen entgegen. - Trotzdem hält die Berufsgruppe "Brennessel e.V." die gesetzlichen Grundlagen für ausreichend, sofern die rechtlichen Möglichkeiten entsprechend ausgeschöpft werden.

  • Weiterhin werden Stereotype über Sexualität und sexuellen Missbrauch als Leitbilder verkauft, die mit der Realität wenig zu tun haben.

Beispiele: - nur Fremde missbrauchen Kinder

- die Täter sind geistesgestörte, alte Männer

- die Kinder verführen die Männer

- wenn eine Frau "Nein" sagt, meint sie "Ja", usw.


  • Im Bereich der Prävention kommt der Arbeit mit Täter/innen eine überragende Bedeutung zu. Wir brauchen auch in Deutschland (wie z.B. in England, Amerika, Holland etc.) mehr therapeutische Behandlungskonzepte, um die Rückfallquoten zu senken. - Hilfen für jugendliche Täter sind besonders wichtig, weil so frühzeitig die Kette der Wiederholungstaten unterbrochen werden kann.

Derzeit gibt es bei uns nur wenige Konzepte und Fachleute (insbesondere Männer, die sich der Jungen annehmen). Es fehlen insbesondere Gelder für die Ausbildung und den Einsatz von qualifizierten Therapeuten/innen, die unseres Erachtens bereitgestellt werden müssen. - Arbeit mit Täter/innen ist ganz konkrete Prävention.

Jungen und Mädchen selbst können wir vor sexuellem Missbrauch nicht schützen. Kinder bleiben Kinder, sie sind gegenüber Erwachsenen in der schwächeren Position. Was wir tun können ist, die Kinder zu stabilisieren. Deshalb ist die Stabilisierung das grundlegende Ziel der präventiven Arbeit mit Kindern. Sie sollen so selbstbewusst und autonom werden, dass sie in der Lage sind, gefährliche Situationen und sexuelle Übergriffe zu erkennen. Mädchen und Jungen lernen, dass sie sich wehren können und dürfen. Kinder sollen Widerstandsformen erlernen, um ggf. einem sexuellen Missbrauch auszuweichen oder ihn aufzudecken.

Betonen möchten wir hier noch einmal: Kinder sind schwächer als Erwachsene und ihnen Verantwortung zu übertragen, hieße die Schuldgefühle bei den betroffenen Kindern noch weiter zu erhöhen.

2. Prävention in der praktischen Arbeit

Prävention mit Kindern soll Lebensfreude ausdrücken, ihnen Kraft und Energie geben, und sie in ihren Rechten und Kompetenzen stärken.

In diesem Sinne haben sich folgende Themen für die präventive Arbeit mit Kindern herauskristallisiert:


  • Es gibt eine Sprache über Sexualität!

Kinder brauchen ein Sprachvokabular über ihren Körper, vom Kopf bis zum Fuß, auch über Busen, Scheide und Glied.


  • Mein Körper gehört mir!

Jedes Kind hat ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Hierbei geht es darum, daß der kindliche Körper genau so respektiert und geachtet werden muß wie der erwachsene. Dazu gehört auch, Grenzen gegenüber Kindern zu wahren.


  • Ich kann mich auf meine Gefühle verlassen und ihnen vertrauen!

Kinder sollen allgemein ermutigt werden, positive und negative Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken.


  • Es gibt gute, unangenehme und komische Berührungen!

Kinder sollen lernen, über Berührungen und Körperkontakt zu sprechen, welche Art von Berührung angenehm ist und Spaß macht und welche unangenehm ist.


  • Ich darf "Nein" sagen!

Kindern muß ein "Nein" gegenüber Erwachsenen zugestanden werden. - Es geht hier also um die Grundeinstellung, Kinder als eigenständige Menschen zu sehen, die auch über ihre eigenen Grenzen selbst bestimmen dürfen.


  • Es gibt gute und schlechte Geheimnisse!

Kindern soll vermittelt werden, auch daß sie ein Recht haben, Geheimnisse, die ihnen Angst machen, weiterzusagen.


  • Ich darf Hilfe holen und darüber sprechen, auch wenn es mir ausdrücklich verboten wurde!

Kinder sollen ermutigt werden, sich Hilfe bei Dritten zu holen. Sie brauchen grundsätzlich von ihren Eltern die Erlaubnis, sich auch außerhalb der Familie Hilfe zu suchen.

Präventionsarbeit, wie wir sie verstehen, vermittelt Kindern sehr deutlich, daß sie niemals die Schuld an einem sexuellen Missbrauch haben.

Adressaten der Prävention:

> Mädchen und Jungen

> weibliche und männliche Jugendliche

> Mütter und Väter in Kindergärten und Schulen

> interessierte Öffentlichkeit

> Professionelle im Erziehungsalltag (Erzieher/innen, Lehrer/innen etc.)

> Fachöffentlichkeit (Sozialarbeiter/innen, Juristen/innen, Ärzte/innen etc.)

> .....

Instrumentarien der Präventionsarbeit:

> Fachvorträge

> Fortbildungen (Z. B. mit Overhead-Projektor und Metaplantechniken)

> Selbsterfahrungen

> Theateraufführungen

> Rollenspiele, Bewegungsübungen, Skulpturen, Genogramme

> Autorenlesungen

> Filme

> Poster, Broschüren, Faltblätter, Zeitschriften

> Arbeitsblätter, Malblätter

> Spiele, Spielkartei, Gefühlsbälle

> Musik, Mutmachlieder

> Geschichten und Reime

> .....

Die Adressaten erreichen wir durch:

> Öffentliche Sprechstunde

> Fachvorträge

> Fortbildungsangebote

> Elternabende in Kindergärten und Schulen

> Unterrichtsstunden in den Fachschulen der Sozialpädagogik

> Pressearbeit

> Einladungen zu öffentlichen Veranstaltungen

> Informationsstand mit Kreativangeboten für Kinder z. B. beim Weltkindertag

> Aushang von Plakaten

> Verteilen von Handzetteln

> Multiplikatorentätigkeit z. B. an unseren Arbeitsplätzen

> .....

Die Adressaten erreichen uns durch:

> Sprechstunden als niederschwelliges Angebot

> persönliche oder telefonische Kontakte in den einzelnen Fachbereichen der

Jugendhilfe

> Veranstaltungen und Fortbildungen

> Gesprächsangebote im Rahmen der Familienbildungsstätte

> Informationsstände


  • persönliche und schriftliche Anfragen an Brennessel e.V.
  • .....

Präventive Arbeit mit Kindern - mit möglicherweise oder wahrscheinlich auch betroffenen Kindern - und mit Erwachsenen, muss auf einer guten eigenen Aus- und Fortbildung beruhen und auf einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Themenbereich der sexuellen Gewalt an Kindern. Achtsamkeit, Flexibilität und Empathie wie die Freude mit Mitmenschen, insbesondere mit Kindern zu arbeiten, sind weitere Voraussetzungen.




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